DNHK Podcast: Ausblick Niederlande | Günter Gülker im Gespräch mit Botschafter Dr. Nikolaus Meyer-Landrut
Willkommen beim Wirtschaftspodcast der Deutsch-Niederländischen Handelskammer: Ausblick Niederlande. Das neue Jahr hat...
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Das Jahr hat turbulent begonnen. Geopolitische Spannungen, eine erneut erratische US-Handelspolitik und sicherheitspolitische Fragen – von Venezuela über Iran bis zu Grönland – prägen die internationale Agenda. Was bedeutet das für Deutschland, die Niederlande und Europa?
Trotzdem – oder gerade wegen der geopolitischen Lage – rücken die Niederlande für Deutschland stärker in den Fokus. Als wichtigster Handelspartner Deutschlands in Europa und weltweit - nach den USA und China - drittwichtigster Handelspartner seien die Niederlande „manchmal etwas im Windschatten“ anderer bilateraler Beziehungen, so der deutsche Botschafter in den Niederlanden, Dr. Nikolaus Meyer-Landrut, im Podcast-Gespräch mit DNHK-Geschäftsführer Günter Gülker. Dabei gilt die Bedeutung der Niederlande nicht nur für den Warenverkehr, sondern ebenso für europäische Fragen: Deutschland sei auf eine starke, aktive niederländische Stimme in der EU angewiesen, sagt Meyer-Landrut. Besonders eng sind die Verflechtungen traditionell mit dem benachbarten Bundesland Nordrhein-Westfalen – wirtschaftlich, infrastrukturell und industriell.
Ökonomisch zählen die Niederlande weiterhin zu den starken Volkswirtschaften Europas. 2025 lag das Wirtschaftswachstum bei 1,7 Prozent, die Arbeitslosigkeit bei rund 4 Prozent. Das Haushaltsdefizit blieb mit 1,8 Prozent innerhalb der Maastricht-Kriterien, die Staatsverschuldung ist mit rund 40 Prozent des BIP im europäischen Vergleich sehr niedrig. Einziger klarer Schwachpunkt: eine vergleichsweise hohe Inflation von etwa 3 Prozent. Wie geht es 2026 weiter?
Verunsicherung ist Gift für Investitionsentscheidungen.
Für 2026 mahnt der deutsche Botschafter jedoch zur realistischen Einordnung. Alle europäischen Länder müssen sich demnach weiterhin auf geopolitische Unsicherheiten und Entscheidungen – insbesondere aus den USA – einstellen. Und das habe direkten Einfluss auf Investitionen. Denn: „Verunsicherung ist Gift für Investitionsentscheidungen“, sagt Meyer-Landrut und verweist auf den deutlichen Rückgang deutscher Direktinvestitionen in den USA.
Gleichzeitig gebe es aber einen starken Gegenpol: den europäischen Binnenmarkt, über den rund 70 Prozent des europäischen Handels abgewickelt werden, sowie neue Handelsabkommen wie etwa Mercosur, die Stabilität und Planungssicherheit schaffen.
Seit Amtsantritt ist Meyer-Landrut durch die zwölf niederländischen Provinzen gereist. „Was mich wirklich sehr beeindruckt ist die Modernität, die Forschungslandschaft, die Bereitschaft, Neues auszuprobieren und die Fähigkeit dieses Landes in den einzelnen Provinzen Cluster zu schaffen und bestimmte innovative Themen auf Weltniveau voranzutreiben“, sagt der deutsche Botschafter. Nicht nur die Chipindustrie rund um Eindhoven, sondern auch Agro-Food in Wageningen, Biotechnologie in Amsterdam und Delft sowie Wasser- und Wasserwirtschaftscluster in Leeuwarden seien international führend – was teils bekannter in den USA sei als in Deutschland. Die Fähigkeit, regional Zukunftsthemen in leistungsfähigen Clustern zu organisieren und langfristig in Forschung und Entwicklung zu investieren, könne auch für Deutschland ein Vorbild sein.
Manchmal entsteht in Deutschland der Eindruck: Die Niederlande sind wichtig für Logistik und den Hafen in Rotterdam. Natürlich ist der Hafen enorm wichtig. Aber daneben passiert noch vieles Andere.
Der intensive Handel zwischen Deutschland und den Niederlanden basiert nicht auf einzelnen Leitsektoren, sondern auf seiner Breite. Meyer-Landrut warnt davor, aus deutscher Sicht die Niederlande auf Logistik und den Hafen von Rotterdam zu reduzieren. „Daneben passiert noch viel anderes – und vor allem im High-End-Bereich.“ Gerade für deutsche Unternehmen sei jetzt der richtige Zeitpunkt, europäische Partnerschaften zu vertiefen und Potenziale in den Niederlanden systematisch zu prüfen.
Politisch würde der Beziehungsstatus beider Länder in den vergangenen Monaten wohl lauten: Es ist kompliziert. In den vergangenen anderthalb Jahre war die Politik auf beiden Seiten der Grenze von Wahlen und Regierungsbrüchen geprägt. Erst das Scheitern von Rutte IV, das mit dem Weggang von Rutte allein schon eine Zäsur markierte und einen Einschnitt in der langen Phase von Stabilität und enger Zusammenarbeit mit Deutschland bedeutete. Auf die vorzeitigen Neuwahlen folgte ein langer Regierungsbildungsprozess, mit am Ende einer Vier-Parteien-Koalition, die nach nicht einmal einem Jahr im Amt zerbrach. Zugleich in Deutschland auch vorgezogene Neuwahlen.
Meyer-Landrut: „In einer solchen Situation ist es eine Herausforderung, die erforderlichen politischen Kontakte in ihrer Intensität aufrechtzuerhalten wie wir sie eigentlich zwischen unseren beiden Ländern brauchen.“ Die aktuellen Bemühungen um eine neue niederländische Regierung – voraussichtlich eine Minderheitsregierung – bewertet der Botschafter vorsichtig optimistisch. Entscheidend sei eine stabile, proeuropäische und „outward-looking“ Regierung. Europa braucht aktive Niederlande – „gerade in einer Zeit, in der sich die Welt schneller dreht als vor fünf oder zehn Jahren und Abstimmung nötiger denn je“.
Auch wenn angekündigte US-Zölle zuletzt wieder vom Tisch sind, bleiben sie eine permanente Gefahr und Drohung. „Zölle schaden immer allen“, betont Meyer-Landrut. Studien zeigten, dass bis zu 90 Prozent der Kosten von amerikanischen Unternehmen, die Vorprodukte importieren müssen, und Verbrauchern getragen würden. „Wir werden gleichzeitig Mengen- und Volumenprobleme haben. Spurlos wird das nicht an der deutschen Wirtschaft vorbeigehen.“ Gleichzeitig glaub er, dass sich die Europäische Union auf ihre stärken besinnen muss: „Wir wollen keinen Handelskrieg. Wir wollen eine vernünftige Beziehung zu den USA, wirtschaftlich und politisch, aber wir werden auch unsere Grundprinzipien – territoriale Integrität, Souveränität und regelbasierten Handel – nicht in Frage stellen.
Wir müssen lernen, die beiden Handlungsebenen, die nationale und die europäische, besser aufeinander abzustimmen, um ein besseres Level Playing Field zu gestalten.
Die Debatte über mehr europäische Unabhängigkeit und einer stärkeren EU, die nach der Corona-Pandemie, dem russischen Angriffskrieg und der derzeitigen Abstrafung in Form von willkürlichen US- Zöllen erneut entbrannt ist, bewertet Meyer-Landrut differenziert: „Ich spreche lieber von Handlungsfähigkeit.“ Die EU werde immer eine offene Gesellschaft und ein offener Handelsraum sein. „Wir wollen mit der Welt in Beziehung treten, aber in einer gleichberechtigten Weise, auf einer regelbasierten Grundlage. Daran müssen wir arbeiten.“
Ist ein stärkeres Europa nur möglich, wenn Brüssel mehr Macht bekommt? „Brüssel sind wir selber, Brüssel ist nicht eine abstrakte andere Ebene. In Brüssel sind die Mitgliedstaaten zentrale Akteure. Die Überzeugung eines stärkeren Europas muss nicht in Brüssel wachsen, sondern in allen Hauptstädten.“ Zuletzt zeigen die Eurobarometer-Umfragen, dass die Zustimmung zur EU gestiegen ist. „Weil die Menschen spüren, dass die einzelnen Mitgliedstaaten mit den großen Herausforderungen schnell überfordert sind und die Stärke in der Gemeinschaft liegt.“
Dennoch brauche es weniger „Gold-Plating“ bei der Umsetzung europäischer Regeln, also weniger nationale zusätzliche oder verschärfte Gesetze von erlassenen EU-Richtlinien, und vor allem eine bessere Abstimmung nationaler und europäischer Ebenen – etwa bei Energie- und Klimapolitik – und vor allem den Abbau nicht-tarifärer Handelshemmnisse im Binnenmarkt. „Hier müssen wir lernen, die beiden Handlungsebenen, die nationale und die europäische, besser aufeinander abzustimmen, um ein besseres Level Playing Field zu gestalten.“
Die Niederlande haben Ende des vergangenen Jahres in Form des Wennink-Rapports eine eigene Analyse zum Stand der Wettbewerbsfähigkeit und des Standorts erhalten, der Draghi-Rapport war zuvor in aller Munde. Ist von Deutschland auch eine solche Analyse zu erwarten? „Erkenntnisse gibt es genug. Das Problem liegt in der Umsetzung." Meyer-Landrut plädiert für klare Prioritäten – etwa bei der Vollendung der Kapitalmarktunion und beim Abbau interner Barrieren. Zahlen des IWF zeigten das ungenutzte Potenzial: Im Güterhandel entsprächen die Hemmnisse Zöllen von über 40 Prozent, im Dienstleistungsbereich sogar von mehr als 100 Prozent.
Der Wirtschaftsausblick 2026 für die Niederlande ist geprägt von Unsicherheit – aber auch von struktureller Stärke. In einer fragiler werdenden Welt rücken verlässliche europäische Partnerschaften, ein leistungsfähiger Binnenmarkt und politische Handlungsfähigkeit in den Mittelpunkt. Für Deutschland und die Niederlande gilt darum 2026 mehr denn je: In der gemeinsamen Zusammenarbeit liegt nicht nur Stabilität, sondern auch Wachstum.
Text: Janine Damm
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