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Ein Gastkommentar von Rolf Schumann, Co-CEO von Schwarz Digits und Chief Digital Officer der Schwarz Gruppe.
Am 9. Juni stellte das KI-Unternehmen Anthropic seine bis dahin leistungsfähigsten Modelle vor. Drei Tage später waren sie verschwunden – weltweit abgeschaltet, per Exportkontroll-Anweisung der US-Regierung. Für europäische Unternehmen, die ihre Prozesse bereits darauf gestützt hatten, war der Dienst über Nacht Geschichte. Unklar ist derzeit nicht nur, ob und wann diese Modelle wieder nutzbar sein werden. Unklar ist auch, ob solche Restriktionen künftig die Regel darstellen. Planungssicherheit sieht anders aus.
Man kann das als Einzelfall abtun. Aus meiner Sicht wäre das ein Fehler. Der Vorgang zeigt, was Abhängigkeit konkret bedeutet: Wer eine Schlüsseltechnologie nicht selbst kontrolliert, ist auf das Wohlwollen anderer angewiesen, auf Konzerne und auf Regierungen, deren Interessen und Werte sich nicht zwangsläufig mit den eigenen decken. Wie groß diese Abhängigkeit bereits ist, zeigt ein Blick auf die Cloud: Laut jährlichem Bitkom Cloud Report entfallen aktuell rund 70 Prozent des europäischen Marktes auf drei US-Anbieter, während der Anteil europäischer Anbieter auf etwa 13 Prozent gesunken ist. Der Fall Anthropic steht damit für ein größeres Muster: Von der Cloud bis zur Künstlichen Intelligenz liegen zentrale Bausteine der digitalen Basis in Europa in wenigen außereuropäischen Händen. Entscheidend ist deshalb, wie viel Kontrolle wir über jene Infrastruktur behalten, auf der unsere Wirtschaft, unsere Verwaltung und unser Alltag laufen.
Souveränität bedeutet für mich Handlungsfähigkeit: eigenständig entscheiden und nach den eigenen Werten handeln zu können. Daten sind der Treibstoff der Künstlichen Intelligenz und damit die Grundlage unseres künftigen Wohlstands. Wer sie aus der Hand gibt, gibt die Kontrolle über die eigene Wertschöpfung ab. Deshalb haben wir in der Schwarz Gruppe früh begonnen, mit eigener Cloud-, KI- und Cybersicherheits-Infrastruktur eine europäische Alternative aufzubauen: auf Open-Source-Basis, nach europäischem Recht, mit Datenhaltung in Europa. Das tun wir aus Überzeugung und aus Verantwortung gegenüber unseren Kunden, Partnern und Mitarbeitern.
Doch Souveränität ist nicht Abschottung: Kein Unternehmen und kein Land schafft Souveränität allein. Souveränität bedeutet Offenheit - unter klaren Bedingungen. Europas Stärke entsteht aus dem Zusammenspiel vieler starker Akteure, die sich auf Prinzipien und Werte verständigen. Genau das erleben wir in der Zusammenarbeit mit niederländischen Partnern.
So hat das niederländische Ministerium für Justiz und Sicherheit (SLM Rijk) kürzlich unsere STACKIT Public Cloud für niederländische Regierungsbehörden zugelassen. Sensible Regierungsdaten können so nach den strengen europäischen Datenschutzstandards verwaltet werden - Europas digitale Unabhängigkeit wächst, leistungsfähige Alternativen zu außereuropäischen Anbietern etablieren sich, die Wettbewerbsfähigkeit wird gestärkt. Eine Win-Win-Situation für alle Seiten.
Mit dem Telekommunikationskonzern KPN bringen wir eine souveräne europäische Cloud auf den niederländischen Markt: KPN bringt Rechenzentren, Konnektivität und lokale Services ein und bleibt der vertraute Ansprechpartner der Kunden; wir liefern mit STACKIT die souveräne Infrastruktur. Gemeinsam lassen wir die Vision digitaler Souveränität in Europa zur technologischen Realität werden.
Dieses Prinzip ist übertragbar, und die Niederlande gehen mit gutem Beispiel voran. Ihre nationale Digitalstrategie steht unter dem Motto „Samen versnellen is de enige optie“: gemeinsam beschleunigen ist die einzige Option. Sie investieren in eine souveräne Staatscloud und reduzieren bewusst die Abhängigkeit von wenigen außereuropäischen Anbietern. Ich halte das für kluge Vorsorge und teile diese Haltung ausdrücklich. Was hier zwischen einem niederländischen Telekommunikationsanbieter, der öffentlichen Verwaltung und einem europäischen Cloud-Anbieter entsteht, ist die Blaupause für ein souveränes Europa: ein partnerschaftlicher Zusammenschluss, der auf einem gemeinsamen Wertefundament aus Datenschutz, Rechtsstaatlichkeit und Verlässlichkeit aufbaut.
Der Fall Anthropic ist deshalb mehr als ein Weckruf, er ist auch eine Chance. Er erinnert uns daran, dass digitale Souveränität ebenso von Haltung und Geschwindigkeit abhängt wie von Technik. Europa hat die Ressourcen, die Partner und die Technologie. Wir müssen sie nur entschlossen und gemeinsam einsetzen. Mein Appell an Unternehmen und Politik in ganz Europa: Souveräne Lösungen sind ein Wettbewerbsvorteil und wir sollten sie auch so behandeln. Wer heute in digitale Unabhängigkeit investiert, sichert morgen seine Handlungsfähigkeit. Digitale Souveränität ist mehr als ein Nice-to-have. Sie ist die Grundlage unserer Freiheit und unseres Wohlstands. Geben wir Europa die Fähigkeit zu handeln. Packen wir es an. Gemeinsam.
Rolf Schumann ist Co-CEO von Schwarz Digits, der IT- und Digitalsparte der Schwarz Gruppe, und Chief Digital Officer der Schwarz Gruppe. Als Co-Vorsitzender der Expertenkommission für Wettbewerb und KI, die kürzlich ihre Ergebnisse vorgelegt hat, hat er die Bundesregierung zur digitalen Souveränität Deutschlands und Europas beraten.
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