Im Advanced Research Center for Nanolithography (ARCNL) im Amsterdamer Science Park arbeitet ein Team aus Physikern und Materialwissenschaftlern daran, die Chipfertigung noch präziser zu machen, indem sie das Plasma so steuern, dass sich noch kleinere Strukturen auf Siliziumwafern abbilden lassen. Die Erkenntnisse will Chiphersteller ASML in seiner Fabrik in Eindhoven einfließen lassen. Während Eindhoven zu den zentralen Standorten für Hardware, Maschinenbau und Halbleiter zählt, hat sich in Amsterdam ein Ökosystem für KI und digitale Anwendungen entwickelt. Beide Regionen gehören zu den wichtigsten Tech-Clustern Europas und tragen ein gutes Viertel zur niederländischen Wirtschaftsleistung bei.
Derzeit arbeiten beide Regionen unabhängig voneinander. Am Beispiel von ASML zeigt sich jedoch: Wenn Amsterdam und Eindhoven ihre Stärken systematischer bündeln, entstehen leistungsfähigere Lösungen und effizientere Fertigungsprozesse.
Zu diesem Schluss kommt auch eine Studie der Vrije Universiteit Amsterdam im Auftrag des Amsterdam Economic Board (Amsterdamer Wirtschaftsrat). Die Autoren Haroon Sheikh und Thijmen Vernède sehen an der Schnittstelle beider Kompetenzfelder großes Potenzial: Aus einer engeren Zusammenarbeit können neue Lösungen für Robotik, industrielle Automatisierung und die Steuerung komplexer physischer Systeme entstehen, erklärt Sheikh. Sie könne außerdem Chips für rechenintensive KI-Modelle hervorbringen. „Es ist strategisch sinnvoller, diese starken Ökosysteme stärker zusammenzuführen, statt viele isolierte Inseln technologischer Exzellenz aufzubauen“, ergänzt Vernède. Diese Logik lasse sich perspektivisch auch auf andere Regionen in den Niederlanden – und darüber hinaus auf ganz Europa übertragen.
Ein weiteres Beispiel für Kooperationen entlang des geplanten Korridors ist ein gemeinsames Projekt von Prodrive Technologies aus Eindhoven und dem Amsterdamer Security-Spezialisten Fortaegis. Die Partner integrieren Sicherheitssoftware und Analysemodule direkt in Steuergeräte und Elektronik – so lassen sich vernetzte Industrieanlagen in Echtzeit auf Angriffe prüfen. Auch IT-Dienstleister wie Schuberg Philis bauen ihre Präsenz im Raum Eindhoven aus, um näher an den dortigen Hightech-Ökosystemen zu arbeiten.
Noch aber, räumt Jessica Peters-Hondelink, CEO of Amsterdam Economic Board ein, sind viele Verbindungen „punktuell und von Einzelinitiativen abhängig“. Genau hier setzt die Idee des Tech-Korridors an: Er soll die Zusammenarbeit strategischer, verlässlicher und langfristiger machen. Vorbilder sind die Route-128 bei Boston oder der britische M4-Korridor.
Almere als Bindeglied
Entlang des Tech-Korridors übernehmen Gemeinden wie Almere, Hilversum oder Haarlemmermeer die Rolle wichtiger Verbindungs- und Entwicklungsstandorte. Almere verfügt über eine leistungsfähige digitale Anbindung an den Großraum Amsterdam und bietet zugleich ausreichend Raum für neue Büros, Forschungsinfrastrukturen und Produktionsanlagen. Der entstehende Hightech-Campus in Almere mit Schwerpunkten auf Advanced Materials, Messtechnik und datenintensiven Anwendungen soll künftig eine Schlüsselrolle im Korridor übernehmen. „Hier können wir gemeinsam experimentieren, kooperieren und Talente anziehen“, sagt Danny Frietman, Direktor der Innovationsplattform Innovally. Die in enger Partnerschaft mit der Stadt Almere aufgebaute Plattform vernetzt Unternehmen, öffentliche Akteure, Wissenseinrichtungen und Investoren und sorgt dafür, dass neue Technologien entlang des Korridors schneller zur Anwendung kommen.
International stoßen diese neuen Pläne bereits auf Interesse, unter anderem besuchte der deutsche Photonik-Spezialist Q.ANT den Campus. Das Unternehmen will die neue Verbindung nutzen, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die fortschrittliche Hardware, Photonik und datengetriebene Services verbinden. „Weil der Korridor geografisch so kompakt ist, können deutsche Unternehmen in dem sehr dichten Innovationsökosystem entlang des gesamten Innovationszyklus äußerst effizient zusammenarbeiten – von der Grundlagenforschung bis zur industriellen Umsetzung“, sagt Frietman.
Europäische KI-Ökosysteme vernetzen
Hinter dem Tech-Korridor steht eine klare strategische Überlegung: Er ist als Beitrag zu europäischer Technologiesouveränität gedacht. Denn weltweit versuchen Staaten, den gesamten Tech-Stack – also alle Ebenen von Hardware bis KI-Anwendungen – zu beherrschen. „Wenn wir regionale Spezialisierungen besser nutzen, machen wir einen großen Schritt in Richtung zukunftssichere Niederlande – und hin zu einem Europa, das seine technologische Zukunft selbst in der Hand hat“, sagt Peters-Hondelink.
Damit das gelingt, arbeiten das Amsterdam Economic Board, Brainport Eindhoven und mehrere Gemeinden in einer gemeinsamen Initiative zusammen. Sie setzen erste Programme auf, werben Investoren an und schaffen verbindliche Rahmenbedingungen, damit der Tech-Korridor sein volles Potenzial entfalten kann.
Text: Sina Hoffmann