Missionsorientiert, schnell und vor allem effektiv: Was in den USA seit beinahe 70 Jahren mit der Forschungsagentur DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency) verbunden wird, soll nun auch in den Niederlanden Schule machen. Die Regierung will eine neue Innovationsagentur auf den Weg bringen: die National Agency for Breakthrough Innovation (NABI). Als Weckruf gilt der im Dezember 2025 veröffentlichte Wennink-Report. Peter Wennink, langjähriger CEO des Chipmaschinenherstellers ASML, diagnostiziert darin eine Schieflage: Das niederländische System sei gut darin, inkrementelle Innovation zu fördern, aber zu wenig darauf ausgerichtet, technologische Durchbrüche zu erreichen, die den Status quo herausfordern.
Brücke zwischen Forschung und Markt
Genau hier soll die NABI ansetzen. Sie soll die Lücke zwischen Forschung und realem Markterfolg schließen, das häufig zitierte „Valley of Death“. Im Kern geht es um Vorhaben mit hohem Risiko und potenziell hoher Wirkung, die in klassischen Förderlogiken oft zu ungewiss und damit für private Investoren unattraktiv sind.
In Europa ist das kein Einzelfall: Deutschland hat mit SPRIND seit 2019 eine Bundesagentur für Sprunginnovationen, die ebenfalls auf solche High-Risk-Projekte setzt. Deren Direktor Rafael Laguna de la Vera begrüßt den Schritt der Niederlande und reiste bereits nach Den Haag, um eigene Best Practices zu präsentieren.
„Wesentliche Rolle, aber kein Allheilmittel“
Dass die Innovationsagentur ein wichtiger Baustein sein kann, betont Marcel de Heide, Chefökonom beim niederländischen Forschungsinstitut TNO. „Sie könnte eine wesentliche Rolle im niederländischen Policy-Mix spielen, der darauf abzielt, unser Innovationssystem zu stärken“, sagt er. Ziel sei es, „die Lücke zwischen Grundlagenforschung und Markt zu überbrücken, indem radikale technologische Durchbrüche unter hoher Unsicherheit angestoßen werden“. Als Beispiele nennt de Heide eine Batterieproduktion aus heimischen Materialien und „energieeffiziente KI-Halbleiter“.
Zugleich verweist de Heide auf die praktischen Hürden. „In der Praxis könnte es mehrere Jahre dauern, bis eine solche Einrichtung überhaupt starten kann“, sagt der Ökonom mit Blick auf Regularien, Zuständigkeiten und die Abgrenzung zu bestehenden Instrumenten. Außerdem dränge der Wennink-Report auf ein umfangreicheres Paket, um die Produktivität zu erhöhen. Ein zentrales Problem bestehe in ungünstigen Rahmenbedingungen für Unternehmen, wie etwa teurer Energie, begrenzter Verfügbarkeit ausgebildeten Personals und Umweltgesetze, die weitere Emissionen begrenzen. Das begünstige derzeit etablierte Akteure und erschwere eine radikale Erneuerung.
Mehr Kapital für Zukunftstechnologien
Wennink empfiehlt neben der Einführung einer Innovationsagentur auch eine staatliche Investitionsbank, um privates Kapital stärker für Zukunftstechnologien zu mobilisieren. Die Regierung hat diesen Vorschlag aufgegriffen. Ob daraus ein echter Standortvorteil entsteht, entscheidet sich an Tempo, Prioritäten und daran, ob die Reformen über neue Strukturen hinausreichen. Wenn das gelingt, könnte NABI zum Hebel für Wachstum und souveräne technologische Handlungsfähigkeit werden.
Text: Anne Hünninghaus