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Europas digitale Souveränität

Europas digitale Infrastruktur ruht auf einem schmalen Fundament. Microsoft, Google und Amazon dominieren den Cloud-Markt und vereinen nach Angaben der niederländischen Bank ABN AMRO rund 70 bis 80 Prozent des Geschäfts auf sich. Für Europa wird damit eine Frage immer drängender: Wer kontrolliert die Daten, welchem Recht unterliegen sie – und was geschieht, wenn sich die geopolitischen Beziehungen zwischen Europa und den USA weiter verschärfen?

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Die Debatte um digitale Souveränität ist längst nicht mehr auf Regierungskreise beschränkt. Auch Unternehmen hinterfragen zunehmend ihre technologische Abhängigkeit. Das niederländische Hosting-Unternehmen Cyso berichtet von einer steigenden Zahl von Organisationen, die nach Möglichkeiten suchen, ihre IT-Infrastruktur nach Europa zu verlagern. Die Empfehlung: nicht alles auf einmal umziehen, sondern gezielt prüfen, welche Daten und Anwendungen bei welchem Anbieter am besten aufgehoben sind. Mehrere Clouds können dabei helfen, Abhängigkeiten zu reduzieren. 

 

Parallel entsteht in Europa eine neue digitale Infrastruktur. Initiativen wie Eurostack wollen eine europäische Wertschöpfungskette aufbauen – von Cloud-Diensten und Konnektivität über Software bis hin zu künstlicher Intelligenz. Auch nationale Bündnisse gewinnen an Bedeutung: Das „Sovereign Cloud Manifest“, die niederländische Open Cloud Alliance mit Unternehmen wie KPN, Intermax und Uniserver, sowie die deutsche „Tech Allianz“, gegründet von Ionos und Nextcloud, verfolgen ein gemeinsames Ziel: mehr Kontrolle über Europas digitale Basis. 

 

Es geht nicht darum, ein europäisches Gegenstück zu Microsoft zu schaffen. Erfolgversprechender erscheint ein vernetztes Ökosystem, in dem unterschiedliche Unternehmen verschiedene Teile der Technologiekette abdecken. Stackit oder Leaseweb könnten Infrastruktur bereitstellen, SAP Unternehmenssoftware, Nextcloud den digitalen Arbeitsplatz. Hinzu kommen europäische Anbieter von KI-Modellen und -Anwendungen. 

 

Entscheidend sind dabei offene Standards. Sie ermöglichen es Unternehmen und Behörden, Daten und Anwendungen zwischen verschiedenen Anbietern zu verschieben. So lässt sich der sogenannte „Vendor Lock-in“ vermeiden – die Abhängigkeit von einem einzelnen Technologieanbieter. 

 

Auch politisch gewinnt dieser Ansatz an Gewicht: Eurostack ist im deutschen Koalitionsvertrag verankert, Schleswig-Holstein stellt seine Landesverwaltung schrittweise von Microsoft-Produkten auf Open-Source-Alternativen um. Diese Beispiele zeigen, dass das politische Schlagwort „digitale Souveränität“ konkreter wird. Mit Investitionsentscheidungen, Beschaffungsstrategien und neuen Geschäftsmodellen. Europas Ziel muss dabei nicht die technologische Abschottung sein. Entscheidend ist vielmehr die Fähigkeit, selbst über die eigenen digitalen Abhängigkeiten zu entscheiden. 

Unternehmen betrachten ihre IT-Abhängigkeit kritischer 

Der Bedarf an externen IT-Dienstleistungen wächst in den Niederlanden und Deutschland weiter. Zugleich rückt die Frage nach digitaler Souveränität stärker in den Fokus. Zahlen von Whitelane Research zeigen: Unternehmen suchen nicht mehr nur zusätzliche Kapazitäten und technologische Innovation. Sie prüfen zunehmend, woher ihre IT-Dienste stammen, wer darüber Kontrolle ausübt und wie abhängig sie von einzelnen Anbietern werden. 

Tabel KI 2.0

Deutsche und niederländische Alternativen zu Hyperscalern 

In Deutschland und in den Niederlanden wächst das Angebot europäischer Cloud-Anbieter, die eine Alternative zu den großen US-Hyperscalern schaffen. Ihr Versprechen: lokale Rechenzentren, europäisches Recht, offene Technologien und mehr Kontrolle über Daten und Infrastruktur. 

Ionos Cloud / Nextcloud

Ionos und Nextcloud bieten mit „Ionos Nextcloud Workspace“ einen digitalen Arbeitsplatz auf deutscher Infrastruktur und damit eine Alternative zu Microsoft 365. Die Plattform vereint Speicherplatz, E-Mail, Kalender, Videokonferenzen und KI-Funktionen und wird in deutschen Rechenzentren betrieben. Sie richtet sich vor allem an Behörden und mittelständische Unternehmen, denen die Kontrolle über ihre Daten wichtig ist. 

Stackit

Stackit positioniert sich als europäischer Cloud-Anbieter mit dem finanziellen Rückhalt und der operativen Stärke von Schwarz Digits, der Technologiesparte der deutschen Schwarz-Gruppe, zu der unter anderem Lidl und Kaufland gehören. Das Unternehmen expandiert in die Benelux-Länder und hat einen Rahmenvertrag mit der niederländischen Regierung abgeschlossen. Außerdem wurde Stackit für europäische Cloud-Projekte ausgewählt. 

T-Systems

T-Systems, die IT-Tochter der Deutschen Telekom, verbindet eine eigene europäische Cloud-Infrastruktur mit den Telekommunikationsnetzen des Konzerns. Mit T Cloud positioniert sich das Unternehmen als europäische Alternative zu US-amerikanischen Cloud-Plattformen. Im Fokus stehen vor allem Großunternehmen, Behörden und Organisationen mit hohen Anforderungen an Sicherheit, Kontinuität und Verwaltung. 

Hetzner

Hetzner bietet leistungsstarke Cloud-Infrastruktur aus eigenen Rechenzentren, ohne die Komplexität eines traditionellen Hyperscalers. Das 1997 gegründete Unternehmen zählt heute zu den etablierten deutschen Anbietern von Cloud- und Dedicated-Servern sowie Speicherlösungen. Große, energieeffiziente Rechenzentrumsstandorte, unter anderem in Nürnberg und Falkenstein, bilden das Rückgrat des Geschäfts. 

SAP

SAP verbindet europäische Cloud- und KI-Lösungen mit einer starken Position im Bereich Unternehmenssoftware. Das Unternehmen wurde 1972 von fünf Gründern ins Leben gerufen und hat sich zu einem weltweiten Softwarekonzern mit mehr als 100.000 Mitarbeitern entwickelt. Es ist vor allem für seine ERP-Software bekannt, mit der Unternehmen Finanzen, Logistik, Personalwesen und andere Geschäftsprozesse zentral verwalten können. 

Noris network

Noris network bietet eine deutsche Cloud-Infrastruktur mit starkem Fokus auf sensible und geschäftskritische Daten. Das Unternehmen wurde 1993 gegründet und bietet Cloud, Colocation, Netzwerke, Cybersicherheit und Verwaltungsanwendungen an. Das Unternehmen verfügt über mehrere eigene Rechenzentren in ganz Deutschland und richtet sich vor allem an Unternehmen mit hohen Anforderungen an Sicherheit und Compliance. 

Uniserver

Uniserver baut eine niederländische Cloud-Infrastruktur auf, die speziell auf kritische und sensible Geschäftsprozesse zugeschnitten ist. Das Unternehmen verwaltet private und souveräne Cloud-Infrastrukturen unter anderem für Gesundheitseinrichtungen, Behörden, Energieversorger und andere Organisationen mit geschäftskritischen Systemen. Dabei legt es großen Wert auf die Kontrolle über Daten, Infrastruktur und Rechtshoheit. 

Cyso Cloud

Cyso Cloud setzt auf eine offene Cloud-Architektur und will damit den Wechsel zwischen verschiedenen Anbietern erleichtern. Anwendungen und Daten lassen sich portabler betreiben, die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern wird reduziert. Die niederländische Public- und Private-Cloud basiert unter anderem auf Open-Source-Technologie wie OpenStack und bietet Rechenleistung, Speicher sowie Kubernetes. 

KPN

KPN kombiniert europäische Cloud-Technologie mit niederländischen Rechenzentren, Netzwerken, Management und einem lokalen Ansprechpartner. Das Unternehmen baut gemeinsam mit dem deutschen Unternehmen Stackit eine europäische „Sovereign Cloud“ auf und kümmert sich in den Niederlanden um die Integration, Managed Services und Governance, während gleichzeitig eine niederländische Cloud-Zone eingerichtet wird. 

Leaseweb

Leaseweb kombiniert europäische Cloud-Alternativen mit der Skalierbarkeit und internationalen Reichweite eines globalen Infrastrukturanbieters. Das niederländische Unternehmen verfügt über ein internationales Netzwerk von Rechenzentren und bietet Public- und Private-Cloud, dedizierte Server, Speicher und Managed Kubernetes an. Die überarbeitete Public-Cloud-Plattform nutzt unter anderem OpenStack. 

Intermax

Intermax verbindet eine souveräne Cloud mit einem 24/7-Management und richtet sich damit an Organisationen, für die hohe Verfügbarkeit und Betriebssicherheit entscheidend sind. Das niederländische Unternehmen bietet vollständig verwaltete Private Clouds unter anderem für das Gesundheitswesen, die öffentliche Verwaltung und andere gesellschaftlich kritische Einrichtungen. Daten und Betrieb können vollständig in den Niederlanden verbleiben. Zum Angebot gehören zudem Datenbanken, Kubernetes und GPU-Kapazitäten. 

BIT

BIT verfügt über eine eigene niederländische Rechenzentrumsinfrastruktur, wodurch sowohl die physische Infrastruktur als auch das technische Management vor Ort bleiben. Das Unternehmen bietet Cloud, Hosting, Konnektivität und Colocation aus drei eigenen Rechenzentren in Ede an und richtet sich an Organisationen mit hohen Anforderungen an Verfügbarkeit, Sicherheit und persönlichen Support. 

 

Text: Hendrike Oosterhof

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