Nachfolgersuche: ein relevantes Thema in beiden Ländern
Für viele Familienunternehmen in Deutschland und den Niederlanden rückt die Frage der Nachfolge näher: Wer führt das Unternehmen weiter, etwa wenn die Eigentümer in den Ruhestand gehen? Allein in Deutschland suchen bis 2029 laut KfW Research jährlich rund 109.000 mittelständische Unternehmen eine Nachfolgelösung. Auch in den Niederlanden stehen zahlreiche Familienbetriebe vor dieser Herausforderung. Wenn in Unternehmensnähe keine Lösung in Sicht ist, rücken zunehmend strategische Käufer aus dem Ausland in den Blick – und bieten eine Chance.
Ein erfolgreiches Praxisbeispiel für grenzüberschreitende Übernahmen ist der niederländische Industriezulieferer Eriks aus Alkmaar. Das Familienunternehmen, spezialisiert auf industrielle Komponenten, technische Dienstleistungen und Engineering, baut seine Position in Deutschland seit Jahren aus – nicht mit einer einzigen großen Übernahme, sondern mit einer Reihe gezielter Akquisitionen. Inzwischen verfügt Eriks über 16 Standorte in Deutschland, unter anderem in Süddeutschland, Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Sachsen. Der deutsche Hauptsitz in Halle, wo die Niederländer im Jahr 2020 insgesamt 50 Millionen Euro in ein hochmodernes Distributionszentrum investierten, hat sich inzwischen zum logistischen Zentrum des Konzerns in Europa entwickelt, von dem Kunden in der gesamten DACH-Region beliefert werden.
Die bislang jüngste Übernahme durch Eriks war im Dezember 2025 der Kauf der insolventen Reiff-Gruppe aus Reutlingen. Das Unternehmen gehört seit mehr als 115 Jahren zu den führenden Anbietern industrieller Komponenten und verfügt über eine starke Position im OEM-Geschäft. Für das schwäbische Familienunternehmen bedeutete die Übernahme nicht nur eine Lösung für die Nachfolge und damit die langfristige Sicherung der Zukunft, sondern auch Zugang zu einem internationalen Netzwerk, zusätzlicher technischer Expertise und neuen Investitionsmöglichkeiten. Eriks wiederum stärkt mit der Akquisition seine Position in Süddeutschland, baut technische Kompetenzen und Kundenbeziehungen aus und steigert seinen Umsatz deutlich.
Bemerkenswert ist, wie Eriks die Integration des Zukaufs angeht: Statt die Übernahme für einen umfassenden Stellenabbau oder eine radikale Restrukturierung zu nutzen, setzt der Konzern auf Kontinuität. Regionale Marktkenntnis, Unternehmenskultur und bestehende Kundenbeziehungen sollen erhalten bleiben. Die Vertriebsorganisationen wurden zusammengeführt, die Logistik ausgebaut, der überwiegende Teil der Arbeitsplätze blieb erhalten. Das Beispiel zeigt: Eine grenzüberschreitende Unternehmensnachfolge muss nicht zwangsläufig auf Kostensenkung und Effizienzsteigerung hinauslaufen. Sie kann auch der Ausgangspunkt für neues Wachstum sein. Strategische Käufer aus dem Nachbarland können eine interessante Alternative sein.
Es geht uns nicht darum, Marktanteile zu kaufen, sondern Wissen, regionale Nähe und starke Teams zusammenzubringen.
∼ Victor Aquina, CEO Eriks
Eriks-CEO Victor Aquina sucht gezielt nach Unternehmen, die nicht nur strategisch, sondern auch kulturell zum Konzern passen. „Es geht uns nicht darum, Marktanteile zu kaufen, sondern Wissen, regionale Nähe und starke Teams zusammenzubringen. Wir verbinden beispielsweise die lokale Marktkenntnis von Reiff mit der internationalen Reichweite von Eriks.“ Ein Ansatz, der gut zur Unternehmenskultur vieler deutscher Familienunternehmen passt.
Bei solchen grenzüberschreitenden Übernahmen übernimmt die Deutsch-Niederländische Handelskammer eine wichtige Brückenfunktion. Sie bringt niederländische Kaufinteressenten und deutsche Unternehmer zusammen, unterstützt bei der Suche nach geeigneten Partnern und begleitet Übernahmeprozesse – rechtlich, steuerlich und kulturell. Gerade der letzte Aspekt kann entscheidend sein. Denn bei einer Unternehmensnachfolge geht es nicht allein um Finanzierung und Kaufpreis, sondern auch um Vertrauen. Denn natürlich verbinden sich mit einem Eigentümerwechsel Fragen wie: Bleibt die Unternehmenskultur erhalten? Werden Arbeitsplätze und Know-how gesichert? Und kann ein Familienunternehmen seine regionale Verwurzelung bewahren?
Thorsten Wilhelm, der bei der Deutsch-Niederländischen Handelskammer grenzüberschreitende Betriebsübernahmen begleitet, sieht viele Gemeinsamkeiten zwischen niederländischen Unternehmen und dem deutschen Mittelstand: „Langfristige Orientierung, technische Kompetenz, regionale Verwurzelung und vergleichsweise flache Strukturen.“ Gerade deshalb könne der Eigentümer aus dem Nachbarland für manche Unternehmen eine besonders gut passende Nachfolgelösung sein. Wilhelm: „Wir verbinden nur Unternehmen beider Länder, deren Kultur und Vision wirklich matchen. Das Beispiel Reiff zeigt: Ein niederländischer Eigentümer kann eine Alternative sein, um Unternehmen, Arbeitsplätze und Know-how langfristig zu sichern.“ Dies gelte umso mehr, da die Deutsch-Niederländische Handelskammer ebenso wie alle IHKs unter die Deutsche Industrie- und Handelskammer falle und sich so umso mehr in der Pflicht sehe, fair und transparent mit den deutschen Unternehmen umzugehen und für sie ein verlässlicher Partner zu sein, so Wilhelm.
Über Eriks
Eriks wurde 1940 von Arie Eriks im nordholländischen Alkmaar gegründet und entwickelte sich durch organisches Wachstum und Übernahmen zu einem internationalen Akteur. Nach dem Börsengang 1977 wurde Eriks im Jahr 2009 von SHV Holdings übernommen und von der Börse genommen. Im April 2024 wurde das Unternehmen an einen US-amerikanischen langfristig orientierten Investor verkauft. Seit Januar 2025 steht Victor Aquina als CEO an der Spitze des Unternehmens mit rund 3.000 Mitarbeitenden, die in Deutschland und mehr als zehn westeuropäischen Ländern aber auch in Asien aktiv sind.