Nachfolgersuche: ein relevantes Thema in beiden Ländern
Für viele Familienunternehmen in Deutschland und den Niederlanden rückt die Frage der Nachfolge näher: Wer führt das Unternehmen weiter, etwa wenn die Eigentümer in den Ruhestand gehen? Allein in Deutschland suchen bis 2029 laut KfW Research jährlich rund 109.000 mittelständische Unternehmen eine Nachfolgelösung. Übrigens kein allein deutsches Problem: Auch in den Niederlanden stehen zahlreiche Familienbetriebe vor dieser Herausforderung. Fehlt ein Nachfolger oder Käufer vor Ort, ist ein Management-Buy-out nicht möglich oder der Einstieg von Investoren nicht gewünscht und darum keine Lösung in unmittelbarer Nähe des Unternehmens in Sicht, können strategische Käufer aus dem Ausland eine Option sein - und sogar eine erfolgversprechende.
Erfolgreiches Praxisbeispiel: Eriks aus den Niederlanden
Ein solches positives Beispiel für grenzüberschreitende Übernahmen ist der niederländische Industriezulieferer Eriks aus dem nord-holländischen Alkmaar. Kaum ein Industrieunternehmen kommt ohne die Produkte von Eriks aus: Dichtungen, Armaturen, Antriebstechnik, Schläuche oder Hydraulikkomponenten gehören zu den Bausteinen moderner Industrieanlagen; und ohne sie kämen Produktionen, Maschinen und ganze Fabriken zum Stillstand. Mit einem Sortiment von mehr als 500.000 Produkten, Kunden aus über zwanzig Industriezweigen – von der Lebensmittelindustrie bis zur Halbleiterfertigung – und einem Angebot an Engineering- und Logistikdienstleitungen hat sich das Unternehmen vom klassischen Händler zu einem Technik-Partner entwickelt.
Und wie für viele niederländische Unternehmen ist die DACH-Region und insbesondere Deutschland ein Kernmarkt. Seit Jahren baut Eriks seine Position hierzulande aus – nicht mit einer einzigen großen Übernahme, sondern mit einer Reihe gezielter Akquisitionen. Inzwischen verfügt Eriks über 16 Standorte in Deutschland, unter anderem in Süddeutschland, Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Sachsen. Teils firmieren die übernommenen Unternehmen unter dem Namen Eriks, teils werden sie als selbstständige Tochterfirmen weitergeführt, wie etwa Siekmann Econosto in Dortmund und Zwenkau, AMG Pesch in Köln, Kremer Technology in Wächtersbach und Gemoteg in Hechingen. Der deutsche Hauptsitz in Halle, wo die Niederländer im Jahr 2020 insgesamt 50 Millionen Euro in ein hochmodernes Distributionszentrum investierten, hat sich inzwischen zum logistischen Zentrum des Konzerns in Europa entwickelt.
Die bislang jüngste Übernahme durch Eriks war im Dezember 2025 der Kauf der insolventen Reiff-Gruppe aus Reutlingen. Das Unternehmen gehört seit mehr als 115 Jahren zu den führenden Anbietern industrieller Komponenten und verfügt über eine starke Position im OEM-Geschäft. Für das schwäbische Familienunternehmen mit 250 Mitarbeitern bedeutete die Übernahme nicht nur eine Lösung für die Nachfolge und damit die langfristige Sicherung der Zukunft, sondern auch Zugang zu einem internationalen Netzwerk, zusätzlicher technischer Expertise und neuen Investitionsmöglichkeiten. Eriks wiederum stärkt mit der Akquisition seine Position in Süddeutschland, baut technische Kompetenzen und Kundenbeziehungen aus und steigert seinen Umsatz deutlich.
Grenzüberschreitende Übernahme: ein Ausgangspunkt für neues Wachstum
Bei einer Unternehmensnachfolge geht es nicht allein um Finanzierung und Kaufpreis, sondern auch um Unternehmenskultur und Vertrauen. Denn natürlich verbinden sich mit einem Eigentümerwechsel Fragen wie: Bleibt die Unternehmenskultur erhalten? Werden Arbeitsplätze und Know-how gesichert? Und kann ein Familienunternehmen seine regionale Verwurzelung bewahren?
Die Herangehensweise von Eriks macht das Unternehmen zu einem Best Practice: Statt die Übernahmen für einen umfassenden Stellenabbau oder eine radikale Restrukturierung zu nutzen, setzt Eriks auf Kontinuität. Regionale Marktkenntnis, Unternehmenskultur und bestehende Kundenbeziehungen sollen erhalten bleiben. Im Falle der Reiff-Gruppe sind ein halbes Jahr nach dem Kauf die Vertriebsorganisationen zusammengeführt, die Logistik ausgebaut und: der überwiegende Teil der Arbeitsplätze erhalten geblieben. Das Beispiel zeigt: Eine grenzüberschreitende Unternehmensnachfolge muss nicht zwangsläufig auf Kostensenkung und Effizienzsteigerung hinauslaufen - Sorgen die bei Belegschaft und Inhaber im Vorfeld spielen können. Stattdessen zeigt das Beispiel, wie eine grenzüberschreitende Übernahme zum Ausgangspunkt für neues Wachstum werden kann.
Eriks-CEO Victor Aquina sucht gezielt nach Unternehmen, die nicht nur strategisch, sondern auch kulturell zum Konzern passen. „Es geht uns nicht darum, Marktanteile zu kaufen, sondern Wissen, regionale Nähe und starke Teams zusammenzubringen. Wir verbinden beispielsweise die lokale Marktkenntnis von Reiff mit der internationalen Reichweite von Eriks.“ Ein Ansatz, der gut zur Unternehmenskultur vieler deutscher Familienunternehmen passt.
Es geht uns nicht darum, Marktanteile zu kaufen, sondern Wissen, regionale Nähe und starke Teams zusammenzubringen.
∼ Victor Aquina, CEO Eriks
Viele Gemeinsamkeiten zwischen deutschen und niederländischen Unternehmen
Thorsten Wilhelm, der bei der Deutsch-Niederländischen Handelskammer grenzüberschreitende Betriebsübernahmen begleitet, beobachtet zunehmendes Interesse an beiden Seiten der Grenze für eine grenzüberschreitende Firmenübernahme. Und er sieht viele Gemeinsamkeiten zwischen niederländischen Unternehmen und dem deutschen Mittelstand: „Langfristige Orientierung, technische Kompetenz, regionale Verwurzelung und vergleichsweise flache Strukturen.“ Gerade deshalb könne der Eigentümer aus dem Nachbarland eine strategisch kluge Lösung sein. „Wir verbinden nur Unternehmen beider Länder, deren Kultur und Vision wirklich matchen. Das Beispiel Reiff zeigt: Ein niederländischer Eigentümer kann eine sehr gute Alternative sein, um Unternehmen, Arbeitsplätze und Know-how langfristig zu sichern“, sagt Wilhelm.
Über Eriks
Eriks wurde 1940 von Arie Eriks im nordholländischen Alkmaar gegründet und entwickelte sich durch organisches Wachstum und Übernahmen zu einem internationalen Akteur. Nach dem Börsengang 1977 wurde Eriks im Jahr 2009 von SHV Holdings übernommen und von der Börse genommen. Im April 2024 wurde das Unternehmen an einen US-amerikanischen langfristig orientierten Investor verkauft. Seit Januar 2025 steht Victor Aquina als CEO an der Spitze des Unternehmens mit rund 3.000 Mitarbeitenden, die in Deutschland und mehr als zehn westeuropäischen Ländern aber auch in Asien aktiv sind.
Text: Janine Damm