Hintergrund dieses Strukturwandels ist, dass das Rheinische Revier bis heute die größte Braunkohleregion Europas ist. Der Braunkohleausstieg bis spätestens 2032 eröffnet die Möglichkeit, neue industrielle Perspektiven zu schaffen, wobei die Herstellung von Wasserstoff durch Unternehmen eine wichtige Rolle spielt.
Pollotzek verweist dabei auf energieintensive Unternehmen wie die Chemieparks und metallverarbeitende Betriebe entlang des Rheins:
Für diese Unternehmen wird Wasserstoff in Zukunft relevant sein. Denn nicht alle Prozesse lassen sich elektrifizieren. Für Teile der Industrie bleibt ein molekularer Energieträger notwendig.
Zudem verfügt die Region über ausreichend Fläche für Unternehmen, die Raum benötigen. Und sie verfügt über Erfahrung im Bereich der Energiepolitik für die industrielle Basis. „Gerade diese Rahmenbedingungen sorgen für Akzeptanz neuer Technologien“, so Pollotzek.
Das Rheinische Revier steht mit dieser Entwicklung übrigens nicht allein da. Wie einige andere deutsche Regionen stimmt auch das Rheinische Revier seine Wasserstoffstrategie auf den europäischen „Net Zero Industrial Act“ ab. Mit diesem Gesetz will die EU die Position Europas im Bereich klimaneutraler Technologien in den kommenden Jahren stärken. „So ehrgeizig dieses Ziel auch ist“, sagt Pollotzek, „es geht darum, bis 2030 etwa 40 Prozent des jährlichen Bedarfs an strategischen Netto-Null-Technologien innerhalb der EU zu produzieren. Das Rheinische Revier will daher langfristig ein Net Zero Valley sein.“
Pollotzek weist darauf hin, dass dies für Regionen wie das Rheinische Revier mehr ist als nur ein politischer Rahmen. Die Ambition könne Prozesse beschleunigen und die Region international sichtbarer machen, meint er. Darin sieht er auch eine Chance für Unternehmen. Pollotzek betont, dass verschiedene Zahlen diese Ambition untermauern. Für den Strukturwandel stehen im Rheinischen Revier rund 14,8 Milliarden Euro zur Verfügung: „Diese Mittel fließen vor allem in Infrastruktur, Raumordnung und Projekte. Damit schaffen sie die Voraussetzungen, unter denen sich Unternehmen ansiedeln können.“ Die Wasserstoffinfrastruktur in der angrenzenden Region soll Teil davon sein.
Investitionen in das deutsche Wasserstoffnetz wurden 2024 genehmigt. Diese umfassen mehr als 9.000 Kilometer und sollen bis 2032 in Betrieb genommen werden. Etwa 60 Prozent davon basieren auf der Umnutzung bestehender Erdgasleitungen. In Nordrhein-Westfalen soll laut Pollotzek bis 2032 ein rund 1.700 Kilometer langes Wasserstofftransportnetz entstehen. Diese Infrastruktur ist wichtig für Industrieunternehmen und mitentscheidend dafür, ob Wasserstoff wirtschaftlich eingesetzt werden kann. Er bezeichnet diesen Anschluss daher als „wichtigen strategischen Vorteil“ für seine Region.
Ein weiterer Vorteil, den Pollotzek für das Rheinische Revier nennt, ist das bestehende Forschungs- und Entwicklungsökosystem. Im nahegelegenen Jülich entsteht ein Cluster rund um ein Wasserstoffprojekt. Die Region stellt 860 Millionen Euro bereit, um die Forschung und Entwicklung einer Wasserstoffregion voranzutreiben. „Hinzu kommt die Forschung der RWTH Aachen, des Forschungszentrums Jülich und verschiedener Institute“, so Pollotzek. Dadurch gebe es in der Region genügend ausgebildete Fachkräfte und Techniker.
Pollotzek betont jedoch, dass Forschung und Innovation allein nicht ausreichen. Der Schritt vom Labor in die Fabrik, also von der Forschung zur industriellen Anwendung, ist ebenfalls wichtig. Gerade hier sieht er Chancen für Unternehmen, die frühzeitig dabei sein wollen. Wer Technologien, Komponenten oder industrielle Lösungen anbietet, findet in der Region ein wachsendes Ökosystem vor.
Die Region hat laut Pollotzek noch weitere konkrete Standortvorteile. Neben dem verfügbaren Raum, dem Bedarf seitens der Industrie und den Forschungseinrichtungen spielen auch die Nähe zu Logistikachsen, Häfen sowie zu den niederländischen und belgischen Nachbarn eine Rolle. Und nicht zuletzt gibt es, wie Pollotzek betont, „die bestehende Bereitschaft in der Region“. Die Menschen sind mit der Industrie vertraut. Das erleichtert Ansiedlungen. Für neue Unternehmen bedeutet dies: Sie sehen sich nicht mit einem abstrakten Zukunftsplan konfrontiert, sondern mit einer Region, die den industriellen Wandel aktiv anstrebt und unterstützt.“
Er weist daher darauf hin, dass dies für niederländische Unternehmen im Wasserstoffsektor ein Pluspunkt sein kann: „Das Rheinische Revier bietet Chancen für Partner entlang der gesamten Wasserstoff-Wertschöpfungskette. Das können Komponentenhersteller, Anlagenbauer, Logistikunternehmen oder industrielle Endverbraucher sein. In der Region dreht sich also nicht nur alles um die Produktion von Wasserstoff, sondern auch um Transport, Speicherung, Nutzung und technische Systeme.“
Die Nähe zur niederländischen Wirtschaft sieht er als Vorteil. Er erlebt die Niederlande als schnell in der Entscheidungsfindung, pragmatisch und international vernetzt. Das Rheinische Revier bietet dagegen Raum, Industrie und Nähe zur Forschung. Zusammen bildet dies eine solide Basis für die Zusammenarbeit: „Die Region verbindet strukturellen Wandel und industrielle Kompetenz mit der Wasserstoffstrategie. Das schafft ein Umfeld mit realen Chancen für Unternehmen.“
Text: René de Monchy