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Rentenreform: Was Deutschland von den Niederlanden lernen kann

Eine Reform des deutschen Rentensystems ist nötig und wird derzeit wieder heftig diskutiert - aber wie könnte ein neues, zukunftsfähiges Rentenmodell aussehen? Es lohnt sich ein Blick in die Niederlande. Das Rentensystem belegt im internationalen Vergleich unangefochten seit Jahren den Spitzenplatz. Was macht das niederländische Modell so erfolgreich – und was kann Deutschland daraus lernen?

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Rentenreform in Deutschland nötig

Die deutsche Rentendebatte ist neu entfacht. Nachdem Bundeskanzler Friedrich Merz vor kurzem beim Bundesverband deutscher Banken gesagt hatte, dass die gesetzliche Rentenversicherung allein allenfalls noch die Basisabsicherung für das Alter sein wird, war die Aufregung groß. Ökonomen, Sozialverbände und Teile der Politik regierten mit breiter Kritik und warnten vor einer Kürzung der gesetzlichen Rente. 

 

Dass das deutsche Rentensystem eine Reform benötigt, ist offensichtlich und seit Jahren bekannt. Die Alterssicherung steht weltweit unter Druck. Steigende Lebenserwartung, sinkende Geburtenraten und instabile Kapitalmärkte bringen selbst etablierte Rentensysteme ins Wanken. 

 

Doch die deutschen Bundesregierungen der vergangenen Jahre trauten sich nicht an das brisante Thema, auch aus Angst vor den nächsten Bundes- oder Landtagswahlen. Aktuell hat SPD-Chefin und Arbeitsministerin Bärbel Bas gemeinsam mit Merz die Rentenkommission der Regierung damit beauftragt, ein Modell für eine "Lebensstandard sichernde Rente" zu erarbeiten. Im Juni sollen die Ergebnisse präsentiert werden. 

 

Bis dahin lohnt sich sicherlich auch ein Blick über die Grenze. Denn ein Modell erweist sich seit Jahren als besonders robust: das niederländische. Im internationalen Vergleich, etwa im Ranking des Beratungsunternehmens Mercer, belegen die Niederlande regelmäßig den Spitzenplatz. Doch was macht das niederländische Rentensystem so erfolgreich – und was kann Deutschland hiervon lernen? 

Das niederländische Cappuccino-Modell 

Die Niederlande setzen konsequent auf ein Drei-Säulen-Modell aus staatlicher Grundsicherung, verpflichtender betrieblicher Altersvorsorge und privater Ergänzung. Weil die drei Säulen wie die Espresso, Milch und Kakaopulver aufeinander aufbauen, wird das niederländische Rentensystem auch Cappuccino-Modell genannt. Ziel ist es, Risiken zu verteilen und mehrere Einkommensquellen im Alter zu kombinieren.

Die staatliche Grundrente (AOW)

Der entscheidende Unterschied zwischen Deutschland und den Niederlanden: Die gesetzliche Rente ist dort bewusst als Basisleistung konzipiert – nicht als alleinige Säule der Alterssicherung. 

Die staatliche Rente, geregelt im Algemene Ouderdomswet (AOW), ist einfach aufgebaut – und bewusst begrenzt. Anders als in Deutschland hängt sie nicht vom Einkommen ab. Stattdessen zählt, wie viele Jahre jemand in den Niederlanden gelebt hat. Wer 50 Jahre dort ununterbrochen wohnt, erhält die volle Leistung. Für jedes fehlende Jahr wird gekürzt. 

Die Höhe orientiert sich am Mindestlohn und unterscheidet nur zwischen Alleinstehenden und Paaren. Sie sichert das Existenzminimum – mehr nicht. Das ist politisch gewollt: Die erste Säule soll stabilisieren, aber nicht den bisherigen Lebensstandard vollständig abdecken.

Die betriebliche Altersversorgung

Die betriebliche Altersversorgung bildet das zentrale Element des Systems. Rund 90 Prozent der Beschäftigten zahlen in Pensionsfonds ein – meist verpflichtend über Tarifverträge.

 

Arbeitgeber und Arbeitnehmer finanzieren die Beiträge gemeinsam, typischerweise im Verhältnis von etwa zwei Dritteln zu einem Drittel. Die Gelder werden am Kapitalmarkt investiert – langfristig, breit gestreut und professionell gemanagt.

 

Diese Fonds gehören zu den größten Investoren Europas. Ihr Vorteil: Sie erwirtschaften Renditen, die das Rentensystem unabhängiger vom demografischen Wandel machen.

Private Vorsorge als Ergänzung

Die dritte Säule umfasst individuelle Vorsorgelösungen wie private Renten- oder Lebensversicherungen und ist vor allem für Selbstständige oder Menschen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien sowie für internationale Fachkräfte relevant. Sie schließt Lücken, die im kollektiven System entstehen können. 

Reform statt Reparatur

Doch trotz seiner Stabilität steht auch das niederländische Modell vor Herausforderungen: Die Bevölkerung altert, Erwerbsbiografien werden brüchiger, immer mehr Menschen arbeiten selbstständig und niedrige Zinsen sowie eine langanhaltend hohe Inflation setzen das System unter Druck. Das klassische Versprechen, im Alter rund 80 Prozent des Einkommens zu erreichen, wird zunehmend schwieriger einzuhalten.

 

Mit der Reform Wet toekomst pensioenen haben die Niederlande 2023 einen tiefgreifenden Umbau gestartet. Der Kern: weg von festen Rentenzusagen, hin zu einem System, das stärker auf individuelle Kapitalbildung setzt.

 

Künftig wird für jeden Versicherten ein persönlicher „Rententopf“ aufgebaut. Und seine spätere Rente hängt davon ab, wie viel eingezahlt und wie erfolgreich das Geld angelegt wurde. Das macht das System transparenter – aber auch volatiler.

 

Und auch die Anlagestrategie ändert sich. Sie wird stärker am Lebensalter ausgerichtet: Jüngere investieren chancenorientierter, etwa in Aktien. Ältere setzen stärker auf stabile Anlagen wie Anleihen. So sollen Risiken besser gesteuert werden.

 

Für Arbeitnehmer bringt die Reform vor allem eines: mehr Klarheit über die eigene Altersvorsorge. Gleichzeitig steigt die Unsicherheit, weil es keine festen Garantien mehr gibt.

 

Arbeitgeber müssen ihre Systeme anpassen und stärker kommunizieren. Der administrative Aufwand wächst.

 

Für die Finanzmärkte bedeutet die Reform langfristig eine stärkere Nachfrage nach differenzierten Anlageformen – je nach Altersstruktur der Versicherten.

 

Was zunächst wie ein Rückschritt wirkt, ist in Wahrheit ein Realismus-Update: Garantien, die ökonomisch kaum noch haltbar sind, werden durch nachvollziehbare Mechanismen ersetzt. Während in Deutschland häufig der Eindruck entsteht, Renten müssten politisch „garantiert“ werden, akzeptieren die Niederlande eine unbequeme Realität: Alterssicherung ist immer mit Risiken verbunden – sei es durch Demografie oder Kapitalmärkte. Die niederländische Rentenreform macht diese Risiken sichtbar, statt sie zu kaschieren. 

Was Deutschland daraus lernen kann

Die aktuelle Rentendiskussion in Deutschland zeigt vor allem eines: Deutschland ringt noch immer mit der Frage, wie viel das staatliche System leisten soll. Die Niederlande haben diese Frage längst beantwortet:

 

  • Der Staat sichert das Existenzminimum
  • Die betriebliche Vorsorge trägt den Lebensstandard
  • Kapitalmärkte sind integraler Bestandteil des Systems

 

Eine Reform nach niederländischem Vorbild würde in Deutschland bedeuten:

 

  • eine klare Trennung zwischen Grundsicherung und Lebensstandardsicherung
  • eine verpflichtendere Einbindung in betriebliche Systeme
  • mehr Ehrlichkeit über Risiken und Renditen

 

Die Niederlande haben ihr Rentensystem neu gedacht. Und vielleicht ist das das größte Vorbild: Eine nachhaltige Rentenpolitik entsteht nicht durch neue Begriffe oder halbherzige „Reförmchen“ – sondern durch den Mut, das System grundlegend zu verändern.

 

 

Text: Janine Damm

Foto: Drazen Zigic

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