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Teilzeit als Erfolgsmodell? Ein Blick auf die Niederlande

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Warum ist die niederländische Wirtschaft so stabil – und welche Rolle spielt Teilzeit dabei? Christian Pick, Leiter der Rechts- und Personalberatung bei der Deutsch-Niederländischen Handelskammer, erklärt, warum flexible Arbeitsmodelle im Nachbarland Erfolgsfaktor und Herausforderung zugleich sind – und was Deutschland daraus lernen kann.

Christian Pick, Leiter der Rechts- und Personalberatung der Deutsch-Niederländischen Handelskammer

Überblick über den niederländischen Arbeitsmarkt

Die Niederlande gelten als eine der stabilsten Volkswirtschaften weltweit – und gleichzeitig als Teilzeitland Nummer eins in Europa. Wie passt das zusammen? Ein Blick auf Arbeitsmarkt, Kultur und Politik zeigt, warum Flexibilität zum Erfolgsfaktor geworden ist – und wo die Grenzen dieses Modells liegen. Im Interview erklärt Christian Pick, Leiter der Rechts- und Personalberatung bei der Deutsch-Niederländischen Handelskammer, was den niederländischen Arbeitsmarkt kennzeichnet und was Deutschland von seinem Nachbarn lernen kann – vor dem Hintergrund des derzeit öffentlichen Diskurses zur Lifestyle-Teilzeit sicherlich interessant.

Die Niederlande gelten weltweit als eines der Länder mit der stabilsten Wirtschaft. Warum ist das so?

Christian Pick: Aus Sicht der Deutsch-Niederländischen Handelskammer ergibt sich die Stabilität der niederländischen Wirtschaft aus einer Kombination von Faktoren: einer stark international ausgerichteten Volkswirtschaft, wettbewerbsfähigen Schlüsselbranchen, einer hohen Innovationskraft sowie einem flexiblen Arbeitsmarkt. Hinzu kommt das sogenannte Poldermodell, also die enge Abstimmung zwischen Politik, Arbeitgebern und Gewerkschaften, die zu sozialem Frieden und verlässlichen Rahmenbedingungen beiträgt. 

Die Niederlande sind auch bekannt für ihre hohe Teilzeitquote. Trägt diese hohe Teilzeitquote zu der Stabilität der niederländischen Wirtschaft bei oder wäre die Wirtschaft mit mehr Vollzeit-Stellen noch stärker?

Eine stabile Wirtschaft erleichtert die Entscheidung für Teilzeit. Viele Beschäftigte haben Vertrauen in den Arbeitsmarkt und müssen keine existenziellen Risiken fürchten. Gleichzeitig profitiert die niederländische Wirtschaft davon, dass die Erwerbsbeteiligung insgesamt sehr hoch ist: Viele Menschen bleiben dem Arbeitsmarkt erhalten, auch wenn sie weniger Stunden arbeiten. Das Phänomen aus Deutschland, dass sehr gut ausgebildete Menschen aufgrund von Familienkontexten nicht arbeiten, ist in den Niederlanden weitestgehend unbekannt. 

Warum arbeiten denn in den Niederlanden so viele Erwerbstätige in Teilzeit?

Teilzeitarbeit ist gesellschaftlich anerkannt und rechtlich gut abgesichert. Entscheidende Gründe sind das Recht auf Arbeitszeitreduzierung (der Arbeitgeber kann nur in begründeten Fällen ablehnen), die kulturelle Betonung von Lebensqualität, gut ausgebaute Betreuungsstrukturen sowie die Tatsache, dass Teilzeit in nahezu allen Qualifikations- und Einkommensgruppen möglich ist. 

Gibt es politische Maßnahmen oder Gesetze, die Teilzeitarbeit fördern, und aktuelle Debatten wie in Deutschland die Lifestyle-Teilzeit?

Zentral ist das Gesetz über flexible Arbeit („Wet flexibel werken“), das Beschäftigten ermöglicht, ihre Arbeitszeit anzupassen. Aktuell wird politisch darüber diskutiert, wie Teilzeitkräfte – vor allem in Mangelberufen wie Pflege oder Bildung – zu freiwilligen Stundenaufstockungen bewegt werden können. Das ist allerdings schwierig, da Mehrarbeit nicht zwangsläufig deutlich im Portemonnaie zu spüren ist. Vor allem für die unteren Einkommensklassen können bei Mehrarbeit Zuschläge wegfallen, wodurch sie im Extremfall netto sogar weniger verdienen. Aber auch für höhere Einkommensklassen steht eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit häufiger nicht in einem attraktiven Verhältnis zum Einkommenszuwachs. 

In welchen Sektoren wird besonders viel, und in welchen Branchen besonders wenig in Teilzeit gearbeitet?

Teilzeitarbeit ist besonders verbreitet im Gesundheitswesen, im Bildungsbereich, im Einzelhandel und in personenbezogenen Dienstleistungen. Weniger verbreitet ist sie in Industrie, Bau und Logistik, da dort Schichtbetrieb, Produktionsketten und physische Präsenz eine größere Rolle spielen. 

Welche Rolle spielt das Rentensystem dabei?

Das niederländische Rentensystem kombiniert eine staatliche Grundrente mit einer starken betrieblichen Altersvorsorge. Dadurch sind Teilzeitphasen weniger existenzgefährdend als in rein einkommensbezogenen Systemen. Dennoch kann langjährige Teilzeit – insbesondere ohne ausreichende Zusatzvorsorge – auch in den Niederlanden zu niedrigeren Renten führen. 

Was ist Ihre Meinung zur 4-Tage-Woche? Steigert sich dadurch die Produktivität?

Die 4-Tage-Woche passt grundsätzlich zur niederländischen Arbeitskultur. Erfahrungen zeigen, dass die Produktivität pro Stunde häufig steigt, weil Mitarbeitende fokussierter arbeiten. Allerdings hat das Modell auch Nachteile, da unter dem Strich viel weniger Stundenkapazität zur Verfügung steht und der Abstimmungsbedarf steigt. 

Was sind negative Auswirkungen des Teilzeitbooms?

Eine zentrale Herausforderung ist der Fachkräftemangel, insbesondere im öffentlichen Sektor. Zudem steigt der Koordinationsaufwand für Unternehmen, und organisatorische Abläufe werden komplexer, wenn viele Mitarbeitende reduziert arbeiten. 

Was sagen Sie zur „Teilzeitfalle“ für Frauen?

Aus Sicht der DNHK ist Teilzeit einerseits ein Erfolgsmodell für Vereinbarkeit, andererseits ein Karrierehemmnis. Frauen arbeiten häufiger aus familiären Gründen in Teilzeit, Männer eher aus individuellen Motiven. Das erschwert Frauen weiterhin den Zugang zu Führungspositionen, auch wenn Teilzeit-Führung in den Niederlanden zunehmend gefördert wird. 

Welchen Einfluss hat Work-Life-Balance auf die Arbeitskultur in den Niederlanden?

Work-Life-Balance ist ein zentraler Wert. Überstunden gelten nicht als Leistungsnachweis, sondern Effizienz und Ergebnisorientierung stehen im Vordergrund. Die Arbeitskultur ist geprägt von flachen Hierarchien, direkter Kommunikation und hoher Eigenverantwortung. 

Wird Teilzeitarbeit gesellschaftlich eher akzeptiert als in Deutschland?

Ja. Teilzeitarbeit ist in den Niederlanden sozial normalisiert und weniger stigmatisiert. Traditionelle Geschlechterrollen spielen zwar noch eine Rolle, sind aber weniger stark mit Arbeitszeitmodellen verknüpft als in Deutschland. 

Wie passt die hohe Arbeitslosigkeit auf dem Arbeitsmarkt zu den vielen offenen Stellen?

Hier handelt es sich um ein strukturelles Passungsproblem. Qualifikationen, Arbeitszeiten und regionale Verteilung stimmen nicht immer überein. Gleichzeitig wünschen sich viele Teilzeitbeschäftigte zwar mehr Stunden, stoßen jedoch auf praktische oder private Grenzen. 

Wie schätzen Sie die Entwicklung der Teilzeitarbeit in den kommenden 10 Jahren ein?

Die DNHK erwartet keine Abkehr von Teilzeit, sondern differenziertere Modelle. Digitalisierung, KI und demografischer Wandel könnten zu moderaten Stundenaufstockungen führen, insbesondere in Engpassberufen. 

Was kann Deutschland von seinem westlichen Nachbarn lernen?

Deutschland kann von den Niederlanden lernen, Teilzeit stärker aufzuwerten, Karrierewege auch in reduzierter Arbeitszeit zu ermöglichen und Arbeitszeitflexibilität gezielt zur Fachkräftesicherung einzusetzen – ohne das Modell unkritisch zu kopieren.

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