Wer von Rotterdam nach Rostock oder von Brabant nach Bayern fliegt, sieht Tausende Beispiele dafür, wie Menschen, Unternehmen und Institutionen grenzüberschreitend gemeinsam Lösungen entwickeln. Dieses Netzwerk des Vertrauens ist eine Quelle wirtschaftlicher Stärke, keine Schwäche. Enge Handels- und Geschäftsbeziehungen sorgen für makroökonomische gegenseitige Absicherung.
Zwischen 2009 und 2014 stagnierte die niederländische Wirtschaft, während Deutschland um rund 6 Prozent wuchs. Heute sind die Rollen vertauscht: Deutschland ist seit der Pandemie kaum gewachsen, während die niederländische Wirtschaft um rund 9 Prozent expandiert hat. ASML ist ein Beispiel für erfolgreiche grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Das Unternehmen wird häufig als niederländisches Unternehmen bezeichnet. Tatsächlich ist es das Produkt eines europäischen Ökosystems mit rund 5.000 Zulieferern, viele davon aus Deutschland, darunter Trumpf und Zeiss.
Doch Europa hat sich wirtschaftlich zu stark mit Teilen der Welt verflochten, die uns heute feindlich gegenüberstehen. Unsere sicherheits- und technologiepolitische Abhängigkeit von den USA hat uns gezwungen, einen zutiefst unausgewogenen Handelsdeal in Turnberry zu akzeptieren. Noch bedrohlicher ist Chinas Industrie- und Handelskriegspolitik gegenüber Europa und insbesondere Deutschland. China setzt auf ein Wirtschaftsmodell, das auf einer schwachen Binnennachfrage und einer stetig wachsenden industriellen Kapazität beruht. Das Ergebnis ist exportgetriebenes Wachstum zulasten der Handelspartner – unterstützt durch Subventionen von rund 800 Milliarden Euro jährlich und einen um etwa 20 Prozent unterbewerteten Wechselkurs. Das Ergebnis: Das Exportvolumen ist um 40 Prozent gestiegen, während die Importe stagnieren. Deutschland hat dadurch seit 2023 Nettoexporte im Umfang von 3 Prozent des BIP verloren. Das ist ein erheblicher Schock.
Industrielle Erneuerung ist nötig und möglich
Dabei ist die Industrieproduktion eine zentrale Quelle europäischer Stärke. Und sie ist es wert, verteidigt zu werden. Unter Führung Deutschlands produziert Europa mehr Stahl, Fahrzeuge, Schiffe und zivile Flugzeuge als die USA. Im Schnitt entfallen 16,4 Prozent der Bruttowertschöpfung der EU auf das verarbeitende Gewerbe, gegenüber 11 Prozent in den USA. Der europäische Industriesektor beschäftigt 30 Millionen Menschen, in den USA sind es nur 13 Millionen.
Rheinmetall produziert inzwischen mehr Artilleriegeschosse als die Vereinigten Staaten. Und Europa besitzt globale Stärken in Pharmaindustrie, Automobilbau, Clean Tech, Luftfahrt und Maschinenbau – auch im Wettbewerb mit staatlich unterstützten chinesischen Konkurrenten. Doch Europa muss bei Chipdesign, Unternehmenssoftware und Künstlicher Intelligenz dringend aufholen.
Und es besteht die reale Gefahr, dass ein großer Teil der europäischen Automobil-, Maschinenbau- und Chemieproduktion nach China verlagert wird. Um dies zu verhindern, muss Europa seinen Binnenmarkt durch handelspolitische Schutzmaßnahmen verteidigen – und damit Zeit für eine Erneuerung gewinnen.
Brabant zeigt, dass das möglich ist. Nachdem Philips seine Belegschaft seit 1990 von 400.000 auf 100.000 Beschäftigte reduziert hatte, bewahrte die Region ihre Kompetenz in Optik, Maschinenbau und Halbleitern. Diese Fähigkeiten verbanden sich neu und bildeten die Grundlage für ein weltweit führendes Semicon -Cluster. Der niederländische Staat unterstützte diesen Prozess und finanzierte in den Anfangsjahren rund die Hälfte des F&E-Budgets von ASML.
Auch München zeigt, wie enge Verbindungen zwischen Hochschulen, Unternehmen und Kapital Innovation fördern können, das zeigen UnternehmerTUM, Start2 Group und BayStartUP. Nationale Reformen wie ein Rentensystem nach niederländischem Vorbild könnten einen deutlich größeren Pool an Risikokapital schaffen – und somit mehr Kapital für Innovation und industrielle Erneuerung.
Vertiefte Zusammenarbeit mit vertrauenswürdigen Partnern
Anders als die USA und China, die versuchen, möglichst alles im eigenen Land anzusiedeln, kann Europa auf vernetzte Souveränität setzen. Wir können strategische Verwundbarkeiten reduzieren und gleichzeitig die Zusammenarbeit zwischen vertrauenswürdigen Partnern vertiefen. Wie könnte vernetzte Souveränität in der Praxis aussehen?
Erstens: Deutschland und die Niederlande können die europäische Aufrüstung vorantreiben. Beide gehören zu den fiskalisch stärksten Ländern Europas. Europa ist auf dem Weg, bis 2027 ebenso viel für militärische Ausrüstung auszugeben wie die USA heute. Aber: Die gemeinsame Beschaffung bleibt ein Problem. In Europa gibt es 122 verschiedene Waffensysteme, in den USA nur 22.
Zweitens: Wir müssen die Widerstandsfähigkeit der Halbleiterindustrie stärken. Chiptests und Packaging von Nexperia sollten in Europa oder zumindest bei vertrauenswürdigen Partnern angesiedelt werden. Wir müssen Automobil- und Power-Chips schützen und gleichzeitig unsere Position bei Halbleitermaschinen weiter ausbauen, um dort strategisch unverzichtbar zu bleiben. Zum Vergleich: Der US Chips Act umfasst 80 Milliarden Dollar an direkten Subventionen und weitere 200 Milliarden Dollar an Forschungsförderung.
Drittens: Europa bleibt – anders als China und die USA – offen. Freihandelsabkommen mit Indien, Mercosur und Australien können geschlossen und durch Verteidigungspartnerschaften ergänzt werden. Denn Kooperation bleibt eine der größten Stärken Europas.
Die entscheidende Frage lautet: Wie können wir in Europa die Risiken strategischer Abhängigkeiten reduzieren, ohne unsere Glaubwürdigkeit als Verfechter des offenen Handels und der Vorteile offener Märkte zu untergraben?