Das Jahr hat turbulent begonnen. Geopolitische Spannungen, eine erneut erratische US-Handelspolitik und sicherheitspolitische Fragen – von Venezuela über Iran bis zu Grönland – prägen die internationale Agenda. Was bedeutet das für Deutschland, die Niederlande und Europa?
Niederlande: Schlüsselpartner für Deutschland – wirtschaftlich wie politisch
Trotzdem – oder gerade wegen der geopolitischen Lage – rücken die Niederlande für Deutschland stärker in den Fokus. Als wichtigster Handelspartner Deutschlands in Europa und weltweit - nach den USA und China - drittwichtigster Handelspartner seien die Niederlande „manchmal etwas im Windschatten“ anderer bilateraler Beziehungen, so der deutsche Botschafter in den Niederlanden, Dr. Nikolaus Meyer-Landrut, im Podcast-Gespräch mit DNHK-Geschäftsführer Günter Gülker. Dabei gilt die Bedeutung der Niederlande nicht nur für den Warenverkehr, sondern ebenso für europäische Fragen: Deutschland sei auf eine starke, aktive niederländische Stimme in der EU angewiesen, sagt Meyer-Landrut. Besonders eng sind die Verflechtungen traditionell mit dem benachbarten Bundesland Nordrhein-Westfalen – wirtschaftlich, infrastrukturell und industriell.
Rückblick 2025 – und wie geht es weiter?
Ökonomisch zählen die Niederlande weiterhin zu den starken Volkswirtschaften Europas. 2025 lag das Wirtschaftswachstum bei 1,7 Prozent, die Arbeitslosigkeit bei rund 4 Prozent. Das Haushaltsdefizit blieb mit 1,8 Prozent innerhalb der Maastricht-Kriterien, die Staatsverschuldung ist mit rund 40 Prozent des BIP im europäischen Vergleich sehr niedrig. Einziger klarer Schwachpunkt: eine vergleichsweise hohe Inflation von etwa 3 Prozent.
Für 2026 mahnt der deutsche Botschafter jedoch zur realistischen Einordnung. Alle europäischen Länder müssen sich demnach weiterhin auf geopolitische Unsicherheiten und Entscheidungen – insbesondere aus den USA – einstellen. Und das habe direkten Einfluss auf Investitionen. Denn: „Verunsicherung ist Gift für Investitionsentscheidungen“, sagt Meyer-Landrut und verweist auf den deutlichen Rückgang deutscher Direktinvestitionen in den USA.
Gleichzeitig gebe es aber einen starken Gegenpol: den europäischen Binnenmarkt, über den rund 70 Prozent des europäischen Handels abgewickelt werden, sowie neue Handelsabkommen wie etwa Mercosur, die Stabilität und Planungssicherheit schaffen.
Niederländische Innovationscluster mit globaler Strahlkraft
Besonders beeindruckt zeigt sich Meyer-Landrut, der inzwischen die zwölf niederländischen Provinzen bereist hat, von der regionalen Innovationskraft der Niederlande. Nicht nur die Chipindustrie rund um Eindhoven, sondern auch Agro-Food in Wageningen, Biotechnologie in Amsterdam und Delft sowie Wasser- und Wasserwirtschaftscluster in Leeuwarden seien international führend – was teils bekannter in den USA als in Deutschland sei. Die Fähigkeit, Zukunftsthemen in leistungsfähigen Clustern zu organisieren und langfristig in Forschung und Entwicklung zu investieren, könne auch für Deutschland ein Vorbild sein.
Appell an die Wirtschaft: Mehr Europa, mehr Niederlande
Der intensive Handel zwischen Deutschland und den Niederlanden basiert nicht auf einzelnen Leitsektoren, sondern auf seiner Breite. Meyer-Landrut warnt davor, aus deutscher Sicht die Niederlande auf Logistik und den Hafen von Rotterdam zu reduzieren. „Daneben passiert noch viel anderes – und vor allem im High-End-Bereich.“ Gerade für deutsche Unternehmen sei jetzt der richtige Zeitpunkt, europäische Partnerschaften zu vertiefen und Potenziale in den Niederlanden systematisch zu prüfen.
Appell an die Politik: stabil, proeuropäisch und „outward-looking“
Politisch waren die vergangenen anderthalb Jahre auf beiden Seiten der Grenze von Wahlen und Regierungsbrüchen geprägt. Das Ende der Ära Rutte habe eine Zäsur markiert. Die aktuellen Bemühungen um eine neue niederländische Regierung – voraussichtlich eine Minderheitsregierung – bewertet der Botschafter vorsichtig optimistisch. Entscheidend sei eine stabile, proeuropäische und „outward-looking“ Regierung. Europa brauchen aktive Niederlande – gerade in einer Zeit, in der sich die Welt „schneller dreht als vor fünf oder zehn Jahren“.
Handelspolitik und Zölle: Dauerhafte Unsicherheit bleibt
Auch wenn angekündigte US-Zölle zuletzt wieder vom Tisch sind, bleiben sie eine permanente Gefahr und Drohung. „Zölle schaden immer allen“, betont Meyer-Landrut. Studien zeigten, dass bis zu 90 Prozent der Kosten von amerikanischen Unternehmen und Verbrauchern getragen würden. Gleichzeitig sei klar: Europa will keinen Handelskrieg, aber es wird seine Grundprinzipien – territoriale Integrität, Souveränität und regelbasierten Handel – verteidigen.
Europas Herausforderung: Handlungsfähigkeit statt Schlagworte
Die Debatte über mehr europäische Unabhängigkeit, die nach der Corona-Pandemie, dem russischen Angriffskrieg und der derzeitigen Abstrafung in Form von willkürlichen US- Zöllen erneut entbrannt ist, bewertet Meyer-Landrut differenziert: „Ich spreche lieber von Handlungsfähigkeit.“ Die EU müsse offen bleiben, aber in der Lage sein, gleichberechtigt und selbstbewusst zu agieren. Dafür brauche es weniger „Gold-Plating“ bei der Umsetzung europäischer Regeln, also weniger nationale zusätzliche oder verschärfte Gesetze von erlassenen EU-Richtlinien, und vor allem eine bessere Abstimmung nationaler und europäischer Ebenen – etwa bei Energie- und Klimapolitik – und vor allem den Abbau nicht-tarifärer Handelshemmnisse im Binnenmarkt.
Nach Wennink nun auch ein Draghi-Rapport für Deutschland?
Die Niederlande haben Ende des vergangenen Jahres in Form des Wennink-Rapports eine eigene Analyse zum Stand der Wettberwerbsfähigkeit und des Standorts erhalten, der Draghi-Rapport war zuvor in aller Munde. Ist von Deutschland auch eine solche Analyse zu erwarten? „Erkenntnisse gibt es genug. Das Problem liegt in der Umsetzung." Meyer-Landrut plädiert für klare Prioritäten – etwa bei der Vollendung der Kapitalmarktunion und beim Abbau interner Barrieren. Zahlen des IWF zeigten das ungenutzte Potenzial: Im Güterhandel entsprächen die Hemmnisse Zöllen von über 40 Prozent, im Dienstleistungsbereich sogar von mehr als 100 Prozent.
Fazit
Der Wirtschaftsausblick 2026 für die Niederlande ist geprägt von Unsicherheit – aber auch von struktureller Stärke. In einer fragiler werdenden Welt rücken verlässliche europäische Partnerschaften, ein leistungsfähiger Binnenmarkt und politische Handlungsfähigkeit in den Mittelpunkt. Für Deutschland und die Niederlande gilt darum 2026 mehr denn je: In der gemeinsamen Zusammenarbeit liegt nicht nur Stabilität, sondern auch Wachstum.
Text: Janine Damm