Innovation

Das Hydrogen Valley

15.08.2023

Universitäten, Bildungseinrichtungen, Politik und Wirtschaft - im Norden Deutschlands und in den Niederlanden arbeiten sie über Ländergrenzen hinweg zusammen. Und dann auch noch bei so wichtigen Themen wie der Energiewende. Der Norden der Niederlande wurde von der Europäischen Union sogar zum Hydrogen Valley ernannt. Auch Norddeutschland scheint am Vorabend einer Industrialisierungswelle zu stehen. Obwohl beide Regionen in den Bereichen Wasserstoff und Chemie besonders innovativ sind, erhalten sie nach Ansicht von Johanna Thomann zu wenig Aufmerksamkeit.  

Thomann ist Doktorandin am Forschungszentrum für biobasierte Wirtschaft in Groningen. Dort beschäftigt sie sich unter anderem mit Innovationskombinationen und der Inwertsetzung von regionalen biobasierten Rohstoffen. "Dabei sehe ich, wie intensiv an der Energiewende und gleichzeitig an einer biobasierten Kreislaufwirtschaft gearbeitet wird", sagt sie. Als Teil des Innovation Hub East-Groningen arbeitet sie mit Bildung, Regierung und Industrie zusammen.

Die nördlichen Niederlande als Hydrogen Valley

"Wir sehen, dass vor allem die nördlichen Niederlande den Ehrgeiz haben, bei der europäischen Energiewende die Führung zu übernehmen", so Thomann. In ihrem Artikel über die niederländische biobasierte Kreislaufwirtschaft, welches sie zusammen mit André Heeres und Errit Bekkering schrieb, sagt sie, dass die Niederlande hier auf ihren bereits vorhandenen strategischen Vorteilen wie dem Know-how in den Bereichen Gashandel, -transport und -lagerung aufbauen. Dazu gehören Pipelinenetze, Industriecluster und Offshore-Windparks. Darüber hinaus bietet das landwirtschaftliche Know-How der Region Möglichkeiten für die weitere Entwicklung biobasierter Rohstoffe. Die Forschung zeigt, dass diese fossile Brennstoff weitgehend ersetzen können. 

Mit der Beendigung der Gasförderung aus dem Groningen-Feld wird es möglich, Kapazitäten für grünen Wasserstoff zu reservieren. "Aus diesem Grund und dank des angesammelten Fachwissens wird die nördliche Niederlande als Hydrogen Valley die erste europäische Region sein, die einen Betrag von 90 Millionen Euro erhält", sagt sie. "Mit diesem großen Zuschuss soll die Niederlande eine vollständig integrierte Wasserstoffkette entwickeln und in Produktion bringen", erklärt sie. "Dazu gehören Wasserstoffspeicherung, -transport und -versorgung, aber auch Anwendungen in der (chemischen) Industrie und Mobilität."

Ein grünes industrielles Herz in Norddeutschland

Aber auch in Norddeutschland wird hart gearbeitet. Im Chemiepark Chem-Coast-Park in der norddeutschen Stadt Brunsbüttel sind inzwischen 4 500 Menschen beschäftigt. Hier wird demnächst eine Anlage zur Herstellung von grünen Batterien in Betrieb genommen. Sie wird unter anderem die Autohersteller Volkswagen und BMW beliefern. 

Ein guter Ort, denn in Norddeutschland werden immer mehr Elektrolyseure zur Wasserstofferzeugung und -umwandlung gebaut, um die herum ein ganzes Ökosystem von Nutzern verwandter Anwendungen entsteht. Diese reichen von Düngemittelherstellern, die ihre Ammoniakproduktion dekarbonisieren wollen, bis zu Kupferproduzenten, die Ammoniak als Brennstoff testen. 


Beide Länder haben den gleichen Fokus, aber eine unterschiedliche Herangehensweise 

"Die beiden nördlichen Grenzregionen arbeiten bei den oben genannten Projekten sehr eng zusammen", erklärt die Doktorandin. "Unter anderem durch Interreg-Projekte, aber auch durch den Austausch von Studenten". Und die Zusammenarbeit laufe gut, so Thomann. "Natürlich gibt es die Klischees, dass die Deutschen gründlich und die Niederländer offener für Innovationen sind, aber letztendlich erzielen wir gemeinsam tolle Ergebnisse", sagt die Chemikerin, die die Zusammenarbeit als sehr angenehm empfindet und beide Nationalitäten sich gut ergänzen. "Und als Deutsche in Groningen muss ich das wissen."  

Dennoch sieht sie größere Unterschiede in der Herangehensweise an die Energiewende: "In den Niederlanden gibt es die Diskussion über Kohlenstoffspeicherung und die Abscheidung von CO2 in alten Gasfeldern. Deutschland ist in dieser Hinsicht vorsichtiger und braucht mehr Zeit für größere Veränderungen. Ein weiterer wichtiger Unterschied ist, dass in Deutschland inzwischen alle Kernkraftwerke abgeschaltet sind, während in den Niederlanden über die Eröffnung neuer Anlagen gesprochen wird. Dies wären Themen, die beide Länder auf europäischer Ebene diskutieren sollten. Aber das Ziel ist laut Thomann dasselbe: der Ausbau der Offshore-Windenergie und die Konzentration auf Wasserstoff. Und im Norden ist man auf dem besten Weg dorthin. 

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