Branche: Health
Innovation

Impfen? Lass ich mich zuhause!

25.04.2021

Immer mehr innovative Ideen aus den Niederlanden erobern Deutschland. Ein gutes Beispiel ist Ihr Arzt Zuhause (IAZH). Das deutsch-niederländische Start-up bringt Ihnen Impfungen in die eigenen vier Wände – Facharzt inklusive. Auch Firmen können den Impfservice für Ihre Belegschaft buchen. Wir sprechen mit den Gründern Casper van het Hof und Dr. Markus Frühwein.

Impfen zuhause – das klingt gerade jetzt in Pandemiezeiten nach einer großartigen Idee. Wie funktioniert das genau?

Dr. Frühwein: Wer eine Impfung zur Vorbeuge möchte oder für eine Reise braucht, kann auf unseren Internetseiten impfungzuhause.de und ab dem Sommer mit reiseimpfungzuhause.de alle nötigen Informationen finden. Welche Impfungen sind in meiner Altersgruppe empfehlenswert? Von Schutz vor HPV für junge Mädchen bis zur Vorbeugung gegen schwere Lungenentzündung, die ab 60 Jahre wichtig ist. Was ist in meiner Region ratsam? In Bayern zum Beispiel die Zeckenimpfung alle drei bis fünf Jahre. Welche Impfungen brauche ich in meinem Reiseland? Hepatitis etwa oder Typhus. Anschließend kann man direkt online einen Termin ausmachen und die Ärztin oder den Arzt nach Hause bestellen. Das spart enorm viel Zeit: Keine Anreise, kein Warten in der Praxis – aber die gleiche Sicherheit der Behandlung durch einen approbierten Arzt.

In den Niederlanden ist so ein flexibler, medizinischer Service schon ganz normal. Wie reagieren die Deutschen?

Casper van het Hof: Wir starten gerade in München – vorerst mit Privatpatienten. Und die Resonanz ist durchweg positiv. Die Pandemie hat das Thema Impfschutz wieder stärker ins Bewusstsein gerückt. Und Sie hat auch unsere Businessplanung enorm beschleunigt. Ich habe Ende 2019 mit der konkreten Entwicklung des Geschäftsmodells begonnen. Inzwischen haben wir nicht nur unsere Buchungssoftware online, über die wir die ganze Customer Journey digital abwickeln, sondern auch die ersten fünf Ärzte in einer separaten Gesellschaft eingestellt und sie zuhause mit Impfstoffen und einem speziellen Kühlschrank ausgestattet, so dass die Kühlkette stets stabil bleibt.

Dr. Frühwein: Übrigens bieten wir auch die Covid-19-Schutzimpfung zuhause an. Wir gehen davon aus, dass sie künftig jährlich fällig wird, vergleichbar mit der Grippeimpfung.

Welche Vorteile bietet mobiles Impfen denn aus medizinischer Sicht?

Dr. Frühwein: Nun, ich bin Hausarzt und Impfspezialist. Unsere Praxis führt jährlich bis zu 30.000 Impfungen durch. Meiner Erfahrung nach ist das Haupthindernis beim Impfen der Faktor Zeit. Menschen müssen einen Termin beim Arzt bekommen, in die Praxis kommen, dort eventuell noch warten. Viele haben darauf keine Lust und verzichten deshalb gleich ganz auf den Schutz.  Mit impfungzuhause.de schaffen wir ein neues, niedrigschwelliges Angebot. So können wir auch Menschen erreichen, die sich sonst nicht impfen lassen, und so die Impfquote und damit den Schutz der Gesellschaft insgesamt erhöhen.

Casper van het Hof: Übrigens werden wir auch Unternehmen mobiles Impfen anbieten. Das ist gerade für den Mittelstand attraktiv, die oft keinen eigenen Betriebsarzt haben. Wer seinen Beschäftigten etwa die Grippeimpfung direkt am Arbeitsplatz anbietet, tut nicht nur etwas für die Mitarbeiterbindung, sondern senkt bei einer Grippewelle auch die Fehlzeiten drastisch.

In München sind Sie schon gestartet. Wann kann ganz Deutschland das Angebot nutzen?

Casper van het Hof: Wir wollen bis Ende des ersten Geschäftsjahres mit knapp 60 Ärzten aktiv sein, dann vor allem in Süddeutschland. Ganz Deutschland wollen wir spätestens in drei Jahren abdecken. Wir bemühen uns aber, das Ausrollen mithilfe von Kooperationspartnern zu beschleunigen. Denken Sie hierbei zum Beispiel an Pharmaunternehmen, Krankenversicherungen oder Reiseveranstalter.

Dr. Frühauf: Gerade Krankenkassen haben ein großes Interesse an Reiseimpfungen, die sie als freiwillige Leistungen anbieten können. Sie sind nicht teuer und erreichen jüngere, gesunde Zielgruppen. Die Techniker Krankenkasse hat vor einigen Jahren zum Beispiel ihren Kundenstamm drastisch verjüngt, nachdem sie ihren Versicherten Reiseimpfungen erstattete.

Beim Impfen soll es aber nicht bleiben. Welche ärztlichen Leistungen wollen Sie noch angehen?

Casper van het Hof: Alternative Medizin wie Chiropraktik oder Homöopathie können wir uns gut vorstellen. In den Niederlanden testen wir gerade, wie das funktionieren könnte und angenommen wird. Ich vergleiche uns gerne mit Digitaldienstleistern wie den Lieferdiensten Thuisbezorgd oder Takeaway. Auch wir sind eine Plattform, die digital die Buchung von Services ermöglicht – nur sind es bei uns eben ärztliche Dienstleistungen. Dieses Modell wollen wir auch in andere Länder tragen: Benelux, Großbritannien, Österreich, Schweiz und auch Skandinavien sind attraktive Märkte. Aber zunächst konzentrieren wir uns ganz auf Deutschland: Schaffen wir es hier, schaffen wir es überall.

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